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Jochen Schmith - Certain Arrangements

Jochen Schmith - Certain Arrangements



Bedrückende Stille umgibt den Besucher im Eingangsbereich des Kunstvereins Braunschweig. Dort wo normalerweise Statuen zu sehen sind, strecken sich einem vermummte Gestalten entgegen. Erdrückend wirkt das sonst so faszinierende Vestibül mit seinen reich verzierten Wänden und dem marmornen Fußboden. Fast schon eine gespenstische Stimmung hat sich dort aufgebaut, wo eigentlich eine herzliche, einladende Atmosphäre herrschen sollte. Dieses Arrangement kennzeichnet den Anfang der Ausstellung Certain Arrangements, welche vom 27.02. – 09.05.2010 im Kunstverein Braunschweig zu besichtigen ist.

 

Jochen Schmith präsentiert in der Villa Salve Hospes eine weitere Arbeit, in welcher sie sich intensiv mit den vorhandenen Räumlichkeiten auseinandergesetzt haben. Das Künstlerkollektiv Jochen Schmith, bestehend aus Carola Wagenplast, Peter Hoppe und Peter Steckroth, fand im Jahr 2000 seinen Anfang. Einen fiktiven Namen als Autor ihrer Arbeiten einzusetzen steht bereits als eine Art Werk an sich mit einem Verweis auf die Kommunikationsstrategien in der heutigen Gesellschaft. Seit 2001 sind sie an zahlreichen internationalen Ausstellungen beteiligt, wie z.B. mit der Arbeit The right to be lazy von 2009 auf der Gruppenausstellung Reading the city in Limerick, Irland oder 2008 im Kunstverein Hamburg mit eine Lichtinstallation, welche „das Verhältnis der Performativität Besucher/Aufführender verschränkt und die ursprünglichen Zuschreibungsmechanismen von Rollen der "Akteure" befragt“ (Jochen Schmith).

 

Normalerweise wird der Besucher des Hauses Salve Hospes in dem hellen, nach allen Seiten hin offenen Vestibül mit Blick auf den prächtigen Garten empfangen. Für Certain Arrangements wurden alle Türen bis auf eine geschlossen, so dass die Besichtigungsrichtung vorgegeben wird und die Ausstellung wie eine Art Rundgang angelegt ist. Um sich ganz mit der geschichtsträchtigen, klassizistischen Villa vertraut zu machen bezogen Jochen Schmith bereits einige Wochen vor Ausstellungseröffnung die ehemaligen Dienstwohnungen unter dem Kunstverein. Die weiblichen Gewandstatuen wurden von einer Trapistin mit Kaschmir-Stoff aus einer vergangenen italienischen Modekollektion verhangen. Zum einen kehrt dies den Begrüßungseffekt um, aber zum anderen wirkt gerade diese Verhüllung wieder repräsentativ.

 

Der eigentliche Kassenraum wurde zugunsten eines Einbaus aus grünen Spanplatten verlegt. Das grün weist auf die frühere Farbe der Tapeten hin und wiederholt sich sowohl in den Türrahmen wie auch in der übrigen Ausstellung. Die kommenden Räume wurden im 19. Jahrhundert als Wohnräume der Kaufmannsfamilie Krause vorbehalten. Um diese privaten Räumlichkeiten von den öffentlichen abzugrenzen hat Jochen Schmith Verdunklungsfolie über die Fenster geklebt, so dass diese in einem dämmrigen Licht liegen. Neben der Haupttreppe gibt es in der Villa ein zweites Treppensystem, so dass sich die Angestellten unauffällig durch das Haus bewegen konnten. Einige der Zugangstüren zu diesem Sysem wurden jedoch 1946 mit der Aufnahme des Ausstellungsbetriebes zugemauert. In dem früheren Wohnzimmer befindet sich zur Rechten eine Lichtprojektion, welche auf die ehemalige Bedienstetentür hinweist.

 

Guter Geschmack ist eine kalte Sache und eine unsaubere dazu. So lautet der Titel einer Arbeit, welche sich auf einem Podest im Boudoir, dem ehemaligen Rückzugsort der Damen, befindet. Die 4 Türknäufe sind Leihgaben des Kunstvereins Harburger Bahnhof. Jochen Schmith hat diese einer Edelboutique abgekauft, in welcher sie 20 Jahre lang in Gebrauch waren. Die Abnutzung ist auf der Patina sichtbar und erzählt dem Betrachter durch zahlreiche Kratzer eine Geschichte der Zeit. Dieser ´Verschleiß´ wird auch auf dem weißen Teppichboden aufgegriffen, welcher während der gesamten Ausstellungszeit nicht gereinigt wird, so dass sich hier die Spuren der Besucher verewigen.

 

In dem einstigen Bilderzimmer befindet sich nur ein kleines Gemälde. Zu sehen ist ein Blumenstrauß mit Tulpen und Rosen in einer grünen Vase. Hierbei handelt es sich um eine Kopie von Blumen in einer Glasvase von Jan Brueghel d.Ä. . Das Original wurde 2008 aus der Schweiz gestohlen und steht bei Interpol auf der Liste der meistgesuchten Kunstwerke. Jochen Schmith ließen es in einem so genannten artist village in China anfertigen. Seit den 80er Jahren entstanden ganze Stadtviertel von diesen ´Künstlerdörfern´, welche in einer fabrikähnlichen Produktion Reproduktionen anfertigen.

 

Erwähnenswert ist in den unteren Räunlichkeiten ebenfalls der Spiegelsaal, in welchen für die Zeit der Ausstellung die Kasse und der Aufenthaltsbereich für Besucher verlegt worden sind. Hier sind die charakteristischen Tulpen auf den Tischen und dem Kassenpodest wiederzufinden. Diese haben eine große Ähnlichkeit mit der ausgestorbenen Tulpensorte Semper Augustus, welche im 17. Jahrhundert in Holland die historisch bekannte Tulpomanie auslöste. Sie diente als Spekulationsobjekt wie auch als Luxusartikel für reiche Bürger. Drei Tulpenzwiebeln hatten den Marktwert eines Wohnhauses. Kurz nach dem Zusammenbruch des Marktes im Jahre 1637 entstand das Gemälde Persiflage auf die Tulpomanie von Jan Brueghel d. J., welches die Händler als triebgesteuerte Affen darstellt. Eine Kopie dieses Gemäldes hängt im Treppenaufgang in das obere Geschoss des Kunstvereins.

 

In der oberen Etage wird sich noch mal ganz der Frage nach gesellschaftlichen Konstruktionen gewidmet. Im Vestibül ist das Video Sleep von 2007 zu sehen. Ein Wachtmann schläft vor den zu bewachenden Luxusautos auf einem Liegestuhl. In der westlichen Welt, in welcher Schlaf als etwas privates angesehen wird, wäre dies praktisch undenkbar und wirkt befremdlich.

Befremdlich wirken auch die mit Tesafilm geklebten Kreuze auf den Fenstern im folgenden Zimmer. Während ihres Aufenthalts in Hong Kong kam das Künstlerkollektiv durch Straßenzüge, welche als urban renewal authority property gekennzeichnet sind. Leergeräumte Häuser mit roten Kreuzen in den Fenstern, welche bis zu ihrem Abriss wie eine Geisterstadt anmuten.

 

Neben weiteren Attributen zu dem Rollenverhältnis zwischen dem bürgerlichen und dem öffentlichen Leben steht in dem so genannten Fremdenzimmer ein Conversation Chair, ebenfalls aus grünen Spanplatten gefertigt. Die Sichtrichtungen sind hinaus in den Garten und in das Vestibül gerichtet, also in ein offenes Feld. Über den Sitzen hängt ein Audioloop mit dem Titel There was a time von 2007, welcher mit seinen Werbeanzeigen und –slogans für exklusive Wohneinheiten ebenfalls als ein Indiz für das öffentliche Leben gesehen werden kann.

 

Ein weiterer Hinweis auf die Verdichtung zu einem Ganzen stellt der Kronleuchter im oberen Flur dar. Dieser wurde aus dem Festsaal in die Nähe der ehemaligen Bedienstetentreppe installiert. In Anlehnung an den Saal wurde am Ende des Flurs eine Spiegelfolie angebracht, welche den Gang nicht nur optisch verlängert, sondern auch eine Verdopplung des Übergangs vom Öffentlichen zum Privaten enthält.

 

Von hier aus schließt die Ausstellung mit dem Gang über die ehemalige Bedienstetentreppe, die für die Besucher ausschließlich während der Ausstellung geöffnet ist, zum Anfang hinunter.

Tipp: Zu der Ausstellung erscheint in Kooperation mit kunstzeitraum, dessen Stipendiat Jochen Schmith derzeit ist, ein Katalog mit Textbeiträgen von Yilmaz Dziewior, Jörn Schafaff und Hilke Wagner.

Artikel erschienen unter:


http://artandevents.mediaquell.com/2010/05/06/jochen-schmith-certain-arrangements-im-kunstverein-braunschweig-3243/
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